CDT 2016

Drei Monate sind vergangen

Heute vor drei Monaten sind Johnny und ich bei ähnlich schlechtem Wetter die letzten Meilen bis Kanada gelaufen. Heute sitze ich im Schwarzwald, in einem warmen, gemütlichen Haus auf der Couch unter einer Decke mit dem Laptop auf dem Schoß.

Da ich mich hier im Blog gar nicht mehr gemeldet habe, um zu beschreiben, wie das Zurückkommen in die „normale“ Welt war, werde ich das jetzt nachholen!

Nachdem wir in Waterton (Kanada) angekommen und wieder nach East Glacier (Montana) im Schnee zurückgetrampt sind, haben wir unseren Zieleinlauf ein bisschen gefeiert.

Am nächsten Morgen sind wir nach Kalispell getrampt und wollten dort ein Auto mieten, um damit einen kleinen Road-Trip über Seattle nach Portland zu machen. Leider gab es kein Auto mehr, das wir bis Oregon als Einwegmiete mieten konnten, und so mussten wir nach langen und nervigen Diskussionen umplanen.

Wir konnten ein Auto mieten, mit dem wir nach Spokane fahren durften und mussten dort den Wagen wechseln. Zum Glück hat das funktioniert, allerdings war die ganze Sache dann viel teuer als geplant.

Planen ist sowieso ein gutes Stichwort. Wir wollten unsere verbleibenden Tage in den USA möglichst nutzen und uns Sehenswürdigkeiten ansehen, aber nach der langen Wanderung war ich irgendwie unfähig, Pläne zu schmieden oder zu recherchieren. Also sind wir einfach Richtung Seattle gefahren, und haben vom Auto aus die sich ändernde Landschaft begutachtet.

In Seattle haben wir zwei Nächte in einem netten AirB&B verbracht und sehr lecker gegessen. Wir sind zu Fuß durch die Stadt gebummelt, haben uns die Bibliothek angeschaut, die Markthallen durchstöbert, Kaffee im 40. Stock eines Hochhauses getrunken,….

 

So richtig einlassen konnte ich mich nicht auf dieses ganz andere Leben. Dabei haben mich nicht die viele Menschen gestresst, die ständig um einen herum waren und durch die man sich arbeiten musste, sondern der Lärm der Stadt. Seattle ist wunderschön, aber es gibt auf der verhältnismäßig kleinen Grundfläche der Stadt jedes denkbare Verkehrsmittel: Die Güterbahn fährt an der Hafenpromenade entlang und bimmelt ununterbrochen, die Stadtautobahn fährt direkt darüber auf einer Brücke und rauscht fürchterlich. Auf dem Meer fahren Boote, im Himmel fliegen Flugzeuge den Stadtflughafen an, und überall fahren Autos.

Das war eigentlich das Schwierigste, an das ich mich wieder gewöhnen musste. Die Tatsache, wieder in geschlossenen Räumen zu schlafen, immer Klopapier und eine Toilette zu haben, nach Parfüm zu riechen, gewaschene Haare zu haben, einen gefüllten Kühlschrank in Reichweite zu haben, alles kaufen zu können, was das Herz begehrt, konnte und kann ich durchaus genießen und schätzen.

Also auf jeden Fall sind wir nach unserem Seattle-Ausflug weiter Richtung Portland gefahren, mit einem kleinen Umweg um den Olympic National Forest, da wir von vielen gehört haben, dass es dort wunderschön sein soll. Leider hat uns keiner ein genaues Ziel genannt, und wir haben auch wieder einmal die amerikanischen Distanzen unterschätzt, so sind wir einfach um den Park herum gefahren….

Die letzten beiden Tage haben wir dann im schönen Portland bei Allgood und seiner Frau Suzy verbracht.

Dort gab es auch ein Wiedersehen mit Freefall und Sweet Potato, die ich aus New Mexico kenne. Sweet Potato hat uns in seinem wunderschönen Anwesen zum Essen eingeladen. Zum obligatorischen Barbeque hat er einen herrlichen Gemüseeintopf gezaubert, mit Gemüse aus dem eigenen Garten. Dazu durften wir uns noch frische Salate pflücken und genießen. Was für ein leckerer Abend!

Am 18. September hieß es dann von meinen liebgewonnenen Wander-Freunden und von Amerika Abschied zu nehmen. Ich vermisse sie alle und auch die Herzlichkeit der Menschen, die mir immer wieder begegnet sind.

Auf der Wanderung hat mich immer wieder beeindruckt, mit wie wenig Dingen man überleben kann, wie genügsam man sein kann. Eine faszinierende Erkenntnis. Die ewige Weite, die Ruhe, die Tiere, die Natur, der Wind in den Haaren und die Dunkelheit der Nacht sind wunderschön und auch manchmal hart.

Ich hatte Respekt davor, wieder in die Zivilisation zurückzukehren, weil ich von vielen anderen Weitwanderern gehört habe, wie schwer das für sie war. Von Anfang an war mir klar, dass meine Wanderung kein Selbstfindungstrip sein soll, sondern dass ich einfach in der Natur sein wollte.

Vielleicht war das der Grund, dass der Weg zurück in mein Zivilisationsleben kein Problem war. Ich habe mich sehr gefreut, meine Freunde und meine Familie wiederzusehen. Es war wunderschön, wieder in unsere Wohnung zu kommen. In den ersten Tagen bin ich in jedes meiner Lieblingsrestaurant zum Schlemmen und habe den Komfort der Heimat genossen.

Auch auf das Arbeiten habe ich mich gefreut, und konnte Dank meiner lieben Kollegen und Auftraggeber auch schnell wieder loslegen!

Inzwischen ist es schon wieder normal, hier zu sein. Und es ist schön. Ich genieße die Erinnerungen an den Trail, aber ich genieße auch mein Leben hier. Sicher werde ich irgendwann in irgendeiner Form wieder losziehen, aber jetzt bin ich hier, und das ist gut so.

Photo by Felix Groteloh

Ach ja, eine nette Anekdote noch:

Johnny und ich haben uns neue Skischuhe gekauft. Beim Anprobieren konnte ich wegen meiner überdimensionalen Schuhgröße mal wieder keinen Damenschuh nehmen und musste doch Herrenmodelle ausprobieren. Bisher hatte bei Herrenskischuhen aber immer das Problem, dass meine weiblich geformten Waden nicht mit der Form der Herrenschuhe harmoniert haben. Ich habe also dem Skischuhverkäufer meine Bedenken geäußert, worauf er mit fachmännischem Blick auf meine Waden meinte: „Da sehe ich bei Ihren Waden aber keine Probleme.“ Worauf ich antwortete: „Ja, aber jetzt bin ich ja auch gerade 4000 km gewandert.“ Er: „Naja, jetzt mal Spaß bei Seite…..!“

Ich war sprachlos….

 

Liebe Grüße

Eure Prinzess Cheezy

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